1250 Jahre

Lambsheim

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Jul 28

"Kein Kuschel-Heimatstück" - Sonja Weiher (Die RHEINPFALZ)



 
 

Der Hof der Gebrüder Geib ist einer der Spielorte für das Stationentheater zur 1250-Jahr-Feier. Mindestens zwei der sechs Schauplätze werden auch Einheimische nicht kennen, sagt Walter Menzlaw. (Foto: BOLTE)

Jubiläumstheater (3): Projektinitiator und Autor Walter Menzlaw über die Auseinandersetzung eines Dorfs mit seiner Geschichte

Um die Geschichte ihres Dorfes aufzuarbeiten, haben sich die Lambsheimer professionelle Hilfe geholt: Walter Menzlaw und Felix S. Felix vom Herxheimer Theater Chawwerusch begleiten seit vergangenen Herbst die Spurensuche im Ort. Bis Ende August soll aus den gesammelten Gesprächsprotokollen ein Stück entstanden sein, dass am 24. September öffentlich vorgestellt wird.

Nein, ein „Kuschel-Heimatstück" gibt es mit ihm nicht, stellt Walter Menzlaw klar. Der Theaterpädagoge hat das Format „Ein Dorf spielt seine Geschichte" entwickelt, das erstmals vor zehn Jahren im südpfälzischen Gleisweiler realisiert wurde. Doch die Spurensuche als Grundlage fürs Theater beschäftigt Menzlaw und das von ihm mitbegründete Chawwerusch Theater schon seit gut drei Jahrzehnten. Den Impuls, „ein nostalgisches Stück mit schönen Kostümen und viel zum Lachen" spielen zu wollen, kennt er also gut. Auch in Lambsheim habe es zunächst diesen Wunsch nach einem Bühnenspiel, „das niemandem wehtut" gegeben.

Da helfe oft ein Blick von außen, wie Menzlaw und Felix ihn mitbringen. „Wir tauchen als Unbeteiligte ein in die Geschichte des Ortes." Für jedes Projekt überlege man im Vorfeld ein Arbeitsthema. In Lambsheim sei das „Kommen und Gehen" gewesen, die Zuwanderung von der Zeit der Hugenotten bis heute sollte in den Blick genommen werden. „Es ist eine romantische Vorstellung, dass es den Ur-Lambsheimer gibt", sagt Menzlaw. Ein einfaches Spiel habe das gleich beim ersten Treffen der Projektgruppe verdeutlicht: Auf die Frage, wer in Lambsheim geboren sei, stand die Hälfte der Anwesenden auf; als jedoch auch noch mindestens ein Elternteil aus dem Ort stammen sollte, blieb ein einziger Lambsheimer übrig. Ein Bild, das die Chawwerusch-Leute auch aus anderen Dörfern kennen. „Der Pfälzer ist ein europäisches Gemisch."

Grundlage für das Stationentheater, das zum Dorfjubiläum 2018 an sechs Orten aufgeführt werden soll, sind Interviews mit Lambsheimern. Ehemalige Gastarbeiter, Flüchtlinge, Menschen, die die Nazizeit erlebt haben, und andere kommen darin zu Wort. Immer wieder sei gesagt worden: „Wir sind hier gut angekommen." Der Arbeitstitel wurde modifiziert. Doch auch unter dem Stichwort „Angekommen" habe man Konflikte nicht aussparen wollen. „Das interessiert uns als Theaterleute natürlich viel mehr", sagt Menzlaw.

Anfangs sei es den Interviewern schwer gefallen, nachzufragen, in den Gesprächen in die Tiefe zu gehen, verdrängte Erlebnisse zutage zu fördern. Die Vorstellung sei zunächst gewesen, dass die Zeitzeugen Anekdoten erzählen. Doch zum Teil seien sehr bewegende, berührende Dinge zur Sprache gekommen. „Das gibt kein Betroffenheitstheater", stellt der Autor klar. Einige der Szenen sollen durchaus – bisweilen unfreiwillig – komisch sein. Etwa, wenn die Nazizeit durch Kinderaugen mit einer gewissen Faszination beobachtet wird.

Bis zum Schluss habe die Projektgruppe über einige Episoden diskutiert. Nun aber stünden alle hinter dem Konzept. Aus anderen Projekten weiß Menzlaw, dass der Mut, sich auch mit schwierigen Themen auseinanderzusetzen, belohnt wird. „Ihr lasst nichts weg, Ihr traut Euch, darüber zu reden", sei das Feedback andernorts gewesen.

Neuland ist für die Theaterprofis der Ablauf des Lambsheimer Projekts. Mit der öffentlichen Vorstellung des Stationentheaters und seiner sechs Szenen übergeben Menzlaw und Felix die Verantwortung an die lokale Projektgruppe. An ihr liegt es dann, den Text zu inszenieren und die rund 30 geplanten Aufführungen im Herbst 2018 zu organisieren. Etwa 75 Schauspieler sollen auftreten, rund 100 Freiwillige werden als Helfer hinter den Kulissen benötigt. Drei Regisseure sollen jeweils für zwei Stationen verantwortlich sein, die Gesamtleitung übernimmt mit dem ehemaligen Grundschulrektor Norbert Stuck ein theatererfahrener Lambsheimer. Menzlaw will jedoch weiter als Coach ansprechbar sein. Proben wird er sich nicht anschauen, die Premiere selbstverständlich schon. „Auch für uns war das am Anfang mit vielen Diskussionen verbunden, ob diese Form gelingen kann, ob wir loslassen können, ob der Standard unseren Ansprüchen genügen wird", sagt er. Am Ende habe das Duo gesagt: „Wir probieren es."

Letztlich sei das Projekt viel mehr als ein Theaterstück. In den zwei Jahren wächst ein Dorf zusammen, setzt sich mit seiner Geschichte auseinander, Leute aus unterschiedlichen Bereichen vernetzen sich und haben am Ende gemeinsam etwas auf die Beine gestellt. Neben der eigentlichen Inszenierung steht die Dokumentation von erlebter Historie im Fokus. Die Interviews mit Lambsheimern unterschiedlichen Alters und aus unterschiedlichen Kulturen sind als Reader zusammengefasst und werden künftig im Archiv aufbewahrt. Dessen Mitarbeiter hätten durch die Arbeit am Stationentheater „richtig Blut geleckt" daran, sich über die Methode der Zeitzeugenberichte historischen Ereignissen zu nähern, berichtet Menzlaw.




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